Wimpernschlag im third space. Wie wir befreiter denken und schreiben
A Blink of the Eye in a Third Space: How to Think and Write Uneventfully
Kaletsch, Paul / Immisch di Padua, Quintus (Hgg.): The (Un-)eventful: A Trans-disciplinary Journey. Frankfurt am Main: Windpark Books, 2024. 239 Seiten, 12 EUR. ISBN: 978-3-949363-36-8.
„We are not interested in the concept of the event. We break it down into a multiplicity and stretch it into spaces“ (S. 222). Der von Paul Kaletsch und Quintus Immisch di Padua herausgegebene Sammelband The (Un-)eventful: A Trans-disciplinary Journey ist eine produktive Irritation, ein Essayband im besten Sinne. Die Texte in diesem Buch machen sich – aus literaturwissenschaftlichen, philosophischen oder auch historischen Perspektiven – auf den Weg zu einem Modus des Denkens und Schreibens, der sich „uneventful“ den Konventionen und Grenzen des akademischen Betriebs entzieht. Diese Haltung spiegelt sich bereits im Entstehungskontext des Sammelbands wider, denn er ist nicht im Nachgang einer Tagung oder eines Workshops entstanden, sondern das Ergebnis eines privaten Symposiums, das Paul Kaletsch anlässlich seines 30. Geburtstags während der Corona-Pandemie auf Zoom veranstaltet hat. An diesem Tag kamen verschiedene Freund_innen des Co-Herausgebers zusammen, deren Wege sich unter anderen Umständen wahrscheinlich nie gekreuzt hätten. Das Symposium schuf für sie einen Raum für künstlerische und wissenschaftliche Beiträge, die in den jeweiligen professionellen Kontexten der Beitragenden bislang wenig Platz hatten.
„The (Un-)eventful“ will explizit nicht: das Ereignis theoretisieren, den Ereignisbegriff von anderen abgrenzen oder einen methodischen Vorschlag machen. Und doch bringt das Vorwort zunächst eine naheliegende Metapher für das Ereignis auf: Den Wimpernschlag. Eine Fliege fliegt in das Auge eines spielenden Kindes, löst es los von Zeit- und Raumwahrnehmung, für einen Moment sieht es nichts und doch alles, was gerade von Bedeutung ist: Die Bewegungen der Fliege als dunkler Punkt, der wandert und neue Formen annimmt. Nicht das Blinzeln, der „Augen-Blick“, sondern die Fliege ist hier das eigentlich Interessante, denn sie durchbricht die Konsistenz der hier erzählten Kindheitserinnerung, sie hebelt Linearität aus.
Das Buch ist eine Einladung, sich „in undisciplined epistemic practices“ (S. 13) zu üben, in einem dritten Raum, der die Entstehung von Gedanken im Schreiben ermöglicht. Dieser Raum ist wie eine Insel zu verstehen, auf der wir uns aus Freude am Austausch und der Improvisation vom „Sollen“ des akademischen Schreibens entfernen und wieder mehr „bricolage“ im Sinne von Deleuze und Guattari zulassen können (S. 16). Ein solcher third space, in dem kollektiv und emanzipatorisch Zeit und Erwartungen neu verhandelt und organisiert werden, erfordert von uns, über die Privilegien und Positionalitäten, die wir mitbringen, nachzudenken. So können wir einen Raum schaffen, in dem wir anders schreiben dürfen – jenseits der Strukturen, die wir häufig als Zumutung unserer Disziplinen erfahren.
So vielfältig die Stimmen und Perspektiven in diesem Buch auch sind, die Adressierung von Offenheit und Ambiguität des Ereignisses ist in allen Texten präsent. Statt methodische oder konzeptionelle Definitionsansätze für das Ereignis in den Mittelpunkt zu stellen, geht es den Autor_innen um Dekonstruktion. Schreibend bewegen sich die Beitragenden hin zu dem in der Einleitung skizzierten Raum, der befreit ist von akademischen Konventionen und Aufmerksamkeitslogiken der Textproduktion.
So wählt etwa D.M. Braid einen literarischen Zugang zum Uneindeutigen, der in seiner Character study über einen Menschen schreibt, der immer wieder sein Sichtfeld kreuzt, wodurch er ihn zu kennen glaubt, er ihm jedoch jedes Mal mehr entgleitet. Neben Braid greifen auch weitere Beiträge das Spiel mit der Linearität von Zeit auf, zum Beispiel Quintus Immisch di Padua in seinem Text „Beyond the Madeleine: Experience, Temporality, and the Queer Event in Proust.“ Er beschreibt darin heteronormative Sexualität als chrononormativ in dem Sinne, dass sie angelehnt ist an lineare Zeitstrukturen und Ereignisse. Demgegenüber stellt er das Konzept queerer Zeitlichkeit als „vehicle to search for the yet untold“ (S. 137) dar.
In ihrer dialogischen Filminterpretation von David Lynch’s Lost Highway denken Saskia Schomber und Paul Kaletsch darüber nach, wie man mit der Uneindeutigkeit des Plots umgeht und welche Rolle ihre akademische Sozialisation dabei spielt. Ist aus Kaletschs Perspektive gerade die „conjunction of confusion, uneasiness, and the release from the demand to grasp the story line“ (S. 180) der eigentliche Punkt des Films, sieht sich Schomber als Literaturwissenschaftlerin zunächst herausgefordert, Konsistenz in der Inkonsistenz zu suchen. In der Selbstbeobachtung ihrer eigenen Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Plot kommt sie zu dem Schluss, dass das Uneindeutige und Nicht-Lineare die ästhetische Qualität des Films ausmacht. Sie greift hier Bernd Herzogenraths Metapher der Möbiusschleife auf: Gleich wie ein Objekt, das permanent in sich selbst übergeht und weder Innen noch Außen kennt, fordert Lost Highway die Betrachterin heraus „to endure the cognitive overload it produces“ (S. 177).
Felix Berenskötter beschäftigt sich in seinem Essay mit der Bedeutung des Geburtstages und dem existenziellen Aspekt der Zeitlichkeit. Er diskutiert die Perspektiven Martin Heideggers und Henri Bergsons auf das Ereignis. Während sich das Ereignis für Heidegger als Erfahrung „that pulls Dasein out of the comfort of the everyday and provides a primordial moment clarity of being in time“ (S. 205) kennzeichnet, steht bei Bergson die Offenheit als Möglichkeit zur Transformation im Zentrum des Ereignisbegriffs. Der Geburtstag siedelt sich für Berenskötter dazwischen an, denn er eröffnet die Möglichkeit, im Rückbezug auf die Zeitlichkeit der eigenen Existenz einen Schritt aus dem Alltag herauszutreten, die Offenheit der Zukunft zuzulassen und neue Fragen an die Vergangenheit zu stellen.
Im Nachwort geht Levi McLaughlin erneut auf den Entstehungskontext des Sammelbands ein. Das Zoom-Symposium habe es aus seiner Sicht geschafft, für einen Moment „the intimidating task of articulating a coherent thought“ (S. 228) zu überwinden und jenseits der Anforderungen und Erwartungen des akademischen Betriebs wieder die Freude am Denken als ungezwungenes gemeinsames Assoziieren zu finden. Damit ruft er auch die besondere Zeitlichkeit der Lockdowns als Momente der Gleichzeitigkeit von Isolation und Verbindung ins Gedächtnis.
„The (Un-)Eventful“ fordert die Rezensentin heraus, denn sie ist Historikerin, die sich mit Konflikten beschäftigt. Sie erwischt sich beim Lesen immer wieder bei der Frage, was es denn nun eigentlich ist: das Ereignis, die Situation, die Konstellation, oder der Komplex. Und genau hier beginnt das anregende Nachwirken der Lektüre, denn an diesem Punkt findet eine Reflexion über die eigenen Positionalitäten und disziplinären Grenzen als Ergebnis einer spezifischen akademischen Sozialisation statt. „Uneventful“ zu denken und zu schreiben heißt, sich auf den Weg zu befreiteren epistemischen Praktiken zu machen. Naheliegend, dass Deleuze und Guattari wiederkehrende Passagiere auf dieser „trans-disciplinary journey“ sind. Und auch die Fliege kreuzt immer wieder unvermittelt die Buchstaben, ausgesprochen ansprechend gestaltet von der Künstlerin Daniela Sonnabend. „The (Un-)eventful“ ist es gelungen, einzufangen und weiterzutragen, was David Foster Wallace mit „Der Spaß an der Sache“ gemeint haben könnte.