KULT_online 73 (May 2026)
Editorial
Liebe Leser_innen,
herzlich willkommen zur neuen Ausgabe von KULT_online! Wie gewohnt erwartet Sie eine vielfältige Auswahl an Rezensionen, die aktuelle kulturwissenschaftliche Debatten aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten.
Mehrere Beiträge dieser Ausgabe widmen sich Fragen von Identität, Zugehörigkeit und kultureller Differenz. Berrin Güneş rezensiert François Grosjeans umfassendes Werk zur Bilingualität, das Vorurteile gegenüber zweisprachigen Menschen hinterfragt und eine ganzheitliche Sichtweise auf sprachliche Vielfalt einfordert. Akshita Sharma bespricht eine ethnographische Studie zu syrischen Familien in Deutschland, die zeigt, wie Migration, kulturelle Veränderungen und rechtliche Strukturen das familiäre Zusammenleben prägen. Ergänzt wird dieser Themenstrang durch Núbia Sanches Martins Rezension zu einem Werk über queere Bewegungen in São Paulo, das Sexualitätspolitik als ästhetische Auseinandersetzung über Rechte und nicht allein als ideologischen Konflikt begreift.
Gleich mehrere Beiträge setzen sich mit Fragen von Repräsentation, Geschichte und kolonialer Nachwirkung auseinander. Matthew Childs rezensiert einen Band, der Deutschlands Verstrickung in globale Eroberungsprojekte neu bewertet und imperiale Narrative den Stimmen kolonisierter Völker gegenüberstellt. Demet Dimitra Uyar widmet sich einem Sammelband zur griechischen Geschichtsschreibung, der internationale historiographische Debatten mit lokalen Entwicklungen verknüpft. Akona Matyila bespricht Kenneth W. Harrows Studie zum afrikanischen Kino, das im Spannungsfeld transnationaler Ökonomien und globaler Ungleichzeitigkeiten neu verortet wird. Alma Simba schließlich rezensiert einen Band zur Ästhetiktheorie, der kollektives Handeln, Kunst und die Komplizenschaft von Kulturerbeinstitutionen in Strukturen von Race und Kapital zum Thema macht.
Daneben versammelt diese Ausgabe Rezensionen zu methodischen und theoretischen Neuorientierungen innerhalb der Kulturwissenschaften. João Henrique da Costa Sol Afonso stellt einen Sammelband zu ökokritischen Methoden vor, der Literatur, Film, bildende Kunst und Medien in einen gemeinsamen analytischen Rahmen bringt. Lena Frewer bespricht einen Band, der das Ereignis als kulturwissenschaftliche Kategorie produktiv dekonstruiert und für ein befreiteres, experimentelles akademisches Schreiben wirbt. Marina Iaroslavtseva rezensiert Luc Boltanski und Arnaud Esquerres Studie zu Online-Kommentarspalten als politische Räume und fragt, ob digitale Partizipation tatsächlich politische Wirksamkeit entfaltet.
Zwei weitere Beiträge erkunden das Verhältnis von Körper, Fürsorge und Gemeinschaft angesichts gegenwärtiger Krisen. Luis Guillermo Zazueta Beltran bespricht ein Werk, das kulturell sehr unterschiedliche Praktiken des Umgangs mit dem Tod und der Sterbebegleitung vergleichend analysiert. Jochen Mündlein rezensiert Judith Neunhäuserers künstlerisch-wissenschaftliche Reflexion einer Arktisexpedition, die im Angesicht des Klimawandels das Verhältnis von Subjekt, Welt und Gemeinschaft neu auslotet. Sophie Wagner schließt den Reigen mit einer Besprechung eines Sammelbandes, der die Grenzen von Konsens in der Schwangerschafts- und Geburtsversorgung kritisch ausleuchtet.
Ich wünsche Ihnen eine anregende und inspirierende Lektüre.
Mit herzlichen Grüßen
Isabella Kalte