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KULT_online. Review Journal for the Study of Culture

journals.ub.uni-giessen.de/kult-online

(ISSN 1868-2855)

Issue 73 (May 2026)

Zwischen Gletschern und Schiffbruch. Daseinsmetaphern auf dem Prüfstand

Zwischen Gletschern und Schiffbruch. Daseinsmetaphern auf dem Prüfstand

Between Glaciers and Shipwreck: Existential Metaphors under Scrutiny  


Neunhäuserer, Judith: Old Ice and Us. Paris: Ness Books, 2024. 650 Pages, 27.32 EUR. ISBN: 978-2959488719.


Die gegenwärtige globalpolitische Situation verursacht bei mir und vielen anderen Menschen ein großes Unbehagen. In diesem aufgeheizten Klima gewinnt, so hat man den Eindruck, eine neokapitalistische Überlebensstrategie des Stärksten zunehmend an Popularität. US-Präsident Donald Trump skizziert in seiner Antrittsrede im Januar 2025 den nostalgisch verklärten Traum eines ‚goldenen Zeitalters‘ für Amerika, indem nationale Grenzen geschlossen werden und – ganz dem politischen Wahlprogramm folgend – die fossile Brennstoffförderung erhöht wird. „Drill baby drill!“ (Rede zur Amtseinführung 20.01.2025) avanciert zu einem Gegenwartsmythos, der jegliche Aspekte eines globalen Klimawandels radikal ausblendet. Die politischen Haltungen gegenüber der Übernahme Grönlands spiegeln dies in bezeichnenderweise wider. Auch in Deutschland wird der neokapitalistische (Alb-)Traum von politischen Akteur_innen in Relation zu einem vermeintlichen Migrationsproblem behauptet und der Klimawandel schlicht als nicht existent abqualifiziert.

Das Unbehagen in diesen politischen Dynamiken stellt die Logik der oppositionellen Grenzsituation dar: Im Gegenüber zu den Anderen, im Othering wird die eigene (Gruppen-)Identität durch Abgrenzungsmechanismen bestimmt. Die Dynamik dieses Weltbildes liegt in der grundsätzlichen Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt, von Menschen und Welt, von Natur und Kultur und gerade auch im politischen Diskurs im Gegenüber von Wir und den Anderen. Die Grenze als Metapher, als Selbstpositionierung in der Welt, wird, so hat man den Eindruck, zum zentralen Motiv der kulturellen Gegenwartsauseinandersetzungen. Es sind Grenzen zwischen verschiedenen Personengruppen, Ländern, aber im Horizont des Klimawandels auch zeitliche Grenzen. Sichtbar und metaphorisch zugänglich werden diese im Bild der schmelzenden Gletscher, die so etwas wie die stummen Zeugen dieser steten Wandlung darstellen.

Die Künstlerin und Kulturwissenschaftlerin Judith Neunhäuserer nimmt mit einer internationalen Gruppe von Kunstschaffenden im Jahr 2022 an einer Expedition in die Arktis teil. In der Begegnung mit den Riesen aus Eis reflektiert sie über die Rolle des Menschen in der Welt. Ihr Blick richtet sich auf die Expeditionsteilnehmenden, die sich in dieser Landschaft und auf dem Schiff Antigua bewegen. In dem Buch Old Ice and Us gewährt sie mit Tagebucheinträgen, Ortsbeschreibungen und transkribierten Interviews einen intimen Einblick in ihre Erlebnisse und Erfahrungen während der Reise. Auf dem Klappentext des Buches heißt es: „Das alte Eis der Arktis ist nicht ewig. Es passiert allen zur selben Zeit, wir lagern uns als Erdschichten ab. Sind wir darin gleich?“

Während der Schiffsreise nach Spitzbergen verwischen die Grenzziehungen zwischen Natur und Kultur. Der Künstler Josh berichtet: „Wir sind über den Punkt einer natürlichen Welt hinausgegangen, weil wir alles beeinflusst haben […] und wir haben sie so sehr verändert, dass wir uns jetzt zurückziehen müssen, wie wir sie zu sehr verändert haben“ (S. 176). In dieser Gemeinschaft auf Zeit werden in den Interviews die Selbstpositionierungen der Künstler_innen gegenüber dem fortschreitenden Klimawandel spürbar. Die expliziten Fragen nach der sozialen Rolle von Kunst, nach Reinheit, Wärme und Kälte werfen die Frage auf, was Menschsein im Horizont der Krise bedeutet. Die Künstlerin Molly erzählt zur Rolle ihrer Kunst: „Ich denke, sie bietet einen kritischen Blick. Vielleicht nicht ganz offensichtlich, aber einen kritischen Blick auf die Weise, wie wir heute zu leben pflegen. […] Viele weiße Männer haben Linien gezogen, die unsere Vorstellungskraft oder unsere Sichtweisen irgendwie einschränken. Ich versuche also, […] davon wegzukommen, eine einzige schwarze Linie für die Wahrheit zu halten“ (S. 208).

Das sichtbare Schmelzen der Gletscher, das die Gemeinschaft auf ihrer Schiffsreise vor Augen hat, mündet für Neunhäuserer in der Metapher des Schiffbruchs. Der Philosoph Hans Blumenberg entwickelte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Metaphorologie, die Daseinsvorstellungen in Auseinandersetzung mit religiösen Traditionen als Orientierungsformen in der europäischen Geschichte zugänglich macht. Die Metapher des Schiffbruchs mit Zuschauer (Frankfurt a. M. 2014 [1997]) wird von Blumenberg im gleichnamigen Buch als Daseinsbeschreibung ausbuchstabiert und thematisiert die existenzielle Situation des Menschen im Angesicht des lebensfeindlichen Meeres als anthropologische Standortbestimmung. Das Bild des Schiffbruchs, den wir selbst erleben, wird durch die Perspektive des Zuschauenden bewältigbar. Es gibt ein Außen, einen rettenden Fluchtpunkt, eine Distanznahme und damit auch einen Moment der Beruhigung. Was nun, wenn es keinen Zuschauenden mehr gibt?

Im Horizont des Klimawandels geht für Neunhäuserer die Position des Zuschauenden verloren. Wir erleben den Schiffbruch ohne das rettende Ufer, auf dem wir selbst dem Schiffbruch zusehen könnten. Dabei ist diese Diagnose keineswegs ein apokalyptisches Postulat, sondern eine Veränderung unserer Daseinserfahrung. Mit dem Verlust des Zuschauenden geht auch die Möglichkeit der Distanznahme und der Beruhigung verloren: „Die Rede vom Steuermann auf dem Planeten Erde, auch eine nautische Metapher, ist überholt. […] Der Platz des Menschen in […] einem angemessenen Weltbild der Gegenwart ist eingebunden in ein symmetrisches Netzwerk aus belebten und unbelebten Akteuren […]: wir können weder einen Überblick haben noch unbeteiligt bleiben“ (S. 218). Die Grenzen zwischen uns und den Anderen fallen im Angesicht dieser ‚nackten Wahrheit‘, einer weiteren Metapher nach Blumenberg in sich zusammen (vgl. Blumenberg: Paradigmen zu einer Metaphorologie. Frankfurt a. M. 1997, S. 47–58).

Vor den arktischen Eisgiganten bleibt dann am Ende die Gemeinschaft auf Zeit. Das zwischenmenschliche Dasein, das sich nur im flüchtigen Moment des Jetzt greifen lässt, wird zum Ort der Vertrautheit und zum metaphorischen Gegenwartsbewusstsein.

Old Ice and Us verzichtet auf klimakritische Äußerungen. Im besten Sinne von Kunst schärft es die Wahrnehmung unseres Daseins in der Welt, in der das kapitalistische und egozentrische Proprium dominiert und stellt als eine Art Gegenbild die endliche und auf Gemeinschaft angewiesene Existenz des Menschen in den Raum. So schreibt Neunhäuserer gegen Ende des Buches: „Ich bin in der Gruppe auf der Antigua aufgegangen und habe mich als Person gewertschätzt gefühlt. Diese Erinnerung trägt mich. Es gibt ein ‚Wir‘, in das ich mich einfügen will. Das große Wir der Anderen soll auch meines sein. Es spricht von uns Menschen als Spezies, im unauflösbaren planetaren Zusammenhang“ (S. 267–268).

How to cite:

Mündlein, Jochen: „Zwischen Gletschern und Schiffbruch. Daseinsmetaphern auf dem Prüfstand“. [Rezension von: Neunhäuserer, Judith. Old Ice and Us. Paris: Ness Books, 2024.]”. In: KULT_online 73 (2026).

DOI: https://doi.org/10.22029/ko.2026.1558

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